Bad Buchau - für die ganze Familie

Ein Erfahrungsbericht von Clemens Riedesser

Bad Buchau!, so lautet die gleichermaßen kurze wie begeistert-fordernde Antwort der Kinder, wenn sich die Frage nach einem Ziel für den Familienausflug stellt. Faszinierend ist freilich die Tatsache, dass selbige Antwort zu jeder Jahreszeit ausgerufen wird. Der Grund liegt (auch) im „Untergrund”: Denn wer sich in das Kurstädtchen im Herzen Oberschwabens aufmacht, der begibt sich nicht nur auf irgendeinen oberschwäbischen Boden. Ob Eis, Moor, Holz oder Stein: Die begehbaren Untergründe Bad Buchaus haben so viel(e) Geschichte(n) zu erzählen, dass es lohnt, öfter dorthin zu fahren.

Der Federsee im Winter

In den Wochen zwischen Weihnachten und Fastnacht werden Schlittschuhe und Schlitten in den Kofferraum gepackt und los geht‘s. Natürlich zum Federsee. Daselbst angekommen, wird schnell klar, dass man die Idee nicht exklusiv hatte. Urlauber und Familien, kleine und große Eisprinzessinnen, Eishockey-Cracks und solche, die es werden wollen, Kufenflitzer und welche, die es langsamer angehen lassen - alle pilgern zum 1,4 Quadratkilometer großen See. Wenn Schnee das Eis bepudert hat, macht ein Gemeinde-Mitarbeiter den Weg frei und bahnt frühmorgens Spazierpfade über das gefrorene Gewässer. Links und rechts öffnen sich kleine Eishockey-Spielfelder, Tore inklusive. Sportler und Spaziergänger kommen sich so auf der weitläufigen Eisfläche erst gar nicht in die Quere. Hernach wartet ein Becher Glühwein oder Punsch samt Grillwurst - direkt am See vom freundlichen Grillmeister. „Gehen wir nächsten Sonntag wieder hin?” Nicht nur den Kindern hat‘s Spaß gemacht.

Das größte Moorgebiet Südwestdeutschlands

Wer sich nicht aufs Eis begeben will, der kann den Federsee samt der wunderbaren Landschaft auch von dem eineinhalb Kilometer langen Holzsteg aus genießen und bewundern - gleichsam zu jeder Tages- und Jahreszeit. Wie an einer Schnur gezogen führt dieser hölzerne Steg durch das dichte Schilf des Federsees, der vor rund 12000 Jahren aus dem Schmelzwasser der Eiszeit entstand. Im Lauf der Jahrtausende bildete sich daraus das Moor. Über 33 Quadratkilometer bildete sich rund um den See so das größte Moorgebiet Südwestdeutschlands. Bauern nutzten den Moortorf lange Zeit zum Heizen, auch Dampflokomotiven wurden mit dem Buchauer Torf erst so richtig ins Rollen gebracht. Kleine und große Gäste geraten bei den Touren durch die stille Landschaft ins Staunen: Zehn Orchideenarten, Eiszeitpflanzen und 266 Vogelarten wurden am Federsee gezählt, darunter so seltene wie Fischadler, Kornweihe oder Kormorane.

Unweit von den Brettern, die die Moorwelt bedeuten, beginnt der Boden unter den Füßen zu schaukeln. Im Wackelwald fühlen sich die Spaziergänger wie auf einem Schiff mit Seegang. Nicht nur Kinder haben ihren Spaß, wenn sie in den Knien wippen und die Erde buchstäblich zum Beben bringen. Seine ungewöhnliche Eigenschaft hat das etwa 600 mal 200 Meter große Waldstück dem moorhaltigen Untergrund zu verdanken. Unter einer dünnen Schicht aus einem Geflecht von Baumwurzeln beginnt der Torf, ein Morast aus abgestorbenen Pflanzen und viel Feuchtigkeit.

Thermalbaden und Naturmoor Vollbad

Während die Kinder ausdauernd durch den Wackelwald wippen, taucht Mama, die leidenschaftliche Schwimmerin in der Familie, in die Adelindis-Therme ein. Dort wartet eine große Auswahl unterschiedlich temperierter Bereiche: ein kühleres Therapiebecken, ein Whirlpool sowie ein Entspannungsbecken, zwei dampfende Außenbecken und ein Sportbecken mit fünf Bahnen. Zum entspannenden Verweilen laden das Keltarium, die Schwitzgrotte, Ruheräume mit regionalen Wohlfühlsimulationen und ein großer Wellnessbereich ein.

Derweil informiert sich Oma Helga aus Rottenburg am Neckar über eine medizinische Behandlung in der benachbarten Federseeklinik. Beispielsweise mit einem NaturmoorVollbad. Die heilsame Wirkung von Moorbädern oder Moorpackungen beruht nicht nur auf den chemischen Inhaltsstoffen der Torfe wie Huminsäuren, Steroide und Mineralsalze, sondern insbesondere auch auf den physikalischen Eigenschaften der langsamen Energieab- und aufnahme. Damit eignen sich Torfe als Bad und Packung besonders für die Wärmevermittlung beispielsweise bei Arthrosen und als Packung für den Wärmeentzug (bei Arthritis).
Mama zieht im zehn auf 25 Meter großen Sportbecken der Therme immer noch ihre Bahnen - und das bei angenehmen 28 bis 32 Grad Celsius. Und weil sie sich im Anschluss im „Bistro in der Therme” noch in Ruhe den obligatorischen Cappuccino gönnen darf, zieht‘s Vater und Kinder schon mal ins Federseemuseum.

Auf den Spuren der Steinzeit

Denn nicht nur das Moorbad und die unberührte Natur machen Reiz der einstigen freien Reichsstadt aus. Zwischen modernen Museumsräumen mit Vitrinen voller archäologischer Funde und einem historischen Häuserdorf atmen die Gäste den Hauch von rund 16000 Jahren Siedlungsgeschichte. Dabei können sich Mädchen und Jungs auch richtig aktiv auf die Spuren der Steinzeit begeben. Ausgestattet mit einem Anstellungsvertrag als Junior-Archäologe, einem persönlichen Grabungstagebuch und entsprechendem Werkzeug geht‘s ins Grabungszelt. Assistiert von „Chefarchäologin” Kathrin Eberhard machen sich die jungen Forscherteams an die Arbeit, um die Geheimnisse einer steinzeitlichen Siedlung um 3000 v. Chr. zu entschlüsseln. Dazu werden Bodenproben genommen, archäologische Funde freigelegt, ins Tagebuch gezeichnet, anschließend unterm Mikroskop untersucht und mit Hilfe von Vergleichssammlungen bestimmt und datiert. „Das ist toll, sich mal wie ein richtiger Archäologe zu fühlen”, freut sich der Sohnemann, während wenige Meter neben ihm eine andere Gruppe stolz einen aus dem historischen Boden freigelegten Wildschweinschädel präsentieren. Zur Belohnung gibt‘s am Ende für alle eine echte und scharfe Feuersteinklinge.

Jüdische Gemeinde in Buchau

Auf einen historischen Boden ganz anderer Art begeben sich indes Oma, Opa, Mutter und Vater: In der Hofgartenstraße umreißen zwei Gedenktafeln die Geschichte der einstmals blühenden jüdischen Gemeinde in Buchau sowie den Bau einer Synagoge mit Turm und Glockenspiel. 1838 stellten die Juden ein Drittel der damaligen Gesamtbevölkerung. Am 9. November 1938 wurde die Synagoge während der Reichspogromnacht durch Nazi-Schergen zerstört. Der jüdische Friedhof hingegen ist noch heute erhalten. 99 Personen mit dem Namen Einstein sind dort begraben. Auch die Eltern von Albert Einstein wohnten bis kurz vor dessen Geburt in Buchau. Eine weitere Tafel am Wohnhaus - ebenfalls in der Hofgartenstraße - erinnert daran.