Bad Schussenried – eine Reise ins Barock

Ein Erfahrungsbericht von Brigitte Göppel

Was ist eigentlich Barock? Dieser Frage werde ich nun auf den Grund gehen. Zwei Tage nehme ich mir dafür Zeit und besuche das Juwel des Barock in Oberschwaben, Bad Schussenried. Schon von weitem sind die sichtbarsten Zeugnisse der Schussenrieder Barockzeit - sie dauerte von 1575 bis 1770 - zu sehen: die Klosterkirche und das Neue Kloster. Durch das „Törle”, ein barocker Torbau und das Wahrzeichen Bad Schussenrieds, betrete ich die riesige Klosteranlage. Den Bibliothekssaal möchte ich zuerst sehen, den Ort der Weisheit, wie er auch genannt wird. Er sei der Inbegriff der Barockepoche.
Die große zweiflüglige Türe geht auf. Pausbackene Putten und auf Hochglanz polierte Alabaster-Statuen begrüßen mich. Überall strahlen sie mich an, die kleinen Engelchen. Ich bin überwältigt - von dieser üppigen Prachtentfaltung, den Deckengemälden, den Schnörkeln - von dieser herrlichen Kunst. Das ist also Barock. Das ging aber schnell. Ich beginne, mir die unzähligen Szenen an der prächtigen Decke genauer anzusehen. „Das ist das Deckenfresko von Franz G. Hermann, es verherrlicht das göttliche Wirken in Wissenschaft, Kunst und Technik und zeigt die Klosterbibliothek als Sitz der Weisheit”, wird mir erklärt. Das Deckenfresko zeigt zudem eine acht Personengruppe mit weltlichen und geistlichen Vertretern der Wissenschaften. In der „gemischten” Gruppe erscheint auch der Fliegende Chorherr Dr. Kaspar Mohr. Dieser hatte um 1615 einen Flugapparat konstruiert. Berühmt wurde er durch seinen Traum, fliegen zu können.

Im Bibliothekssaal: Mozart und Engel kommen zu Besuch

Auf einem kleinen Podest im Bibliothekssaal steht ein Flügel: Ich stelle mir vor, wie Mozart als kleiner Junge hier gerade eines seiner ersten Werke spielt. Jetzt gesellen sich zwei Engelchen dazu, eins mit einer Geige und eines mit einer Harfe. Die Schritte der Besucher verharren. Diejenigen, die gerade noch die Schönheiten des Bibliothekssaals bestaunt haben, bleiben verzaubert stehen und lauschen - können die meine Phantasiemusik etwa auch hören?
Im neuen Kloster gibt es aber noch allerhand anderes zu bestaunen, wie zum Beispiel die vielen Sonderausstellungen.

Pfarrkirche St. Magnus

Weiter geht‘s zur benachbarten Pfarrkirche St. Magnus, die um 1185 als spätromanische Pfeilerbasilika erbaut und ständig den Stilepochen der Jahr hunderte angepasst wurde. Die barocke Besonderheit der Kirche ist das prachtvolle Chorgestühl aus dem Jahre 1717 von Georg Anton Machein.

Erntedankteppich in Otterswang

Als nächstes statte ich der spätbarocken Kirche St. Oswald im Ortsteil Otterswang einen Besuch ab. Sie ist weit über die Grenzen für ihren wunderbaren und prunkvollen Erntedankteppich aus Feld- und Gartenfrüchten bekannt. Als ich eintrete sind noch zirka sechs Frauen damit beschäftigt, die feinen Konturen des 2,30 Meter auf 2,70 Meter großen Erntedankteppichs zu vervollständigen. Rund 500 Stunden investieren sie jährlich in ihren wunderschönen Erntedankschmuck, der von tausenden Besuchern bestaunt wird. Aus unzähligen Samen, Körner, Früchten und andere Lebensmittel wurde wieder ein wahres Meisterwerk geschaffen, das ausschaut als hätten es Leonardo da Vinci und Andrea del Verrocchio höchstpersönlich gemalt.

Das Burgcafe

Erschöpft von den vielen Eindrücken könnte ich ein Stück Torte und eine Tasse Kaffee gebrauchen. In meinen Reiseunterlagen ist das Burgcafe aufgeführt. Tatsächlich wirkt das Cafe wie eine kleine Burg. Es ragt hoch oben auf dem Berg bei der Atzenberger Höhe hervor und bietet einen herrlichen Blick übers Schussental bis zu den schneebedeckten Alpengipfeln. Mitten im Raum steht ein großer betagter Holztisch. Ich kann mir so richtig vorstellen, wie hier die edlen Rittersleute getafelt haben.

Einziges Museum für Bierkrüge in Deutschland

Zu Fuß mache ich mich nun durch den herrlichen Wald beim Zellersee zum Bierkrugmuseum auf. Etwa eine dreiviertel Stunde benötige ich dafür. Im Bierkrugmuseum, das übrigens das einzige dieser Art auf der Welt ist, werden über 1000 historische Bierkrüge gezeigt. Vom kostbaren Kultgegenstand bis zum modernen Werbeartikel dokumentiert die Sammlung von Jürgen Josef Ott die Geschichte des Bierkrugs. Sie ist in verschiedene kulturelle und gesellschaftliche Bereiche gegliedert, darunter auch die Barockepoche.

Übernachten in Steinhausen

So langsam werde ich müde und mache mich auf den Weg zum Nachtquartier. Das habe ich mir direkt neben der schönsten Dorfkirche der Welt reserviert, im Gasthof Linde in Steinhausen. Bin mal gespannt, ob mich eines der barocken Engelchen, vielleicht das mit der Harfe in den Schlaf musiziert?

Steinhausen - die schönste Dorfkirche der Welt

Am nächsten Morgen gehe ich hinüber zur Wallfahrtskirche St. Peter und Paul. Sie wurde 1727 bis 1733 unter Abt Didacus Ströbele vom Kloster Bad Schussenried durch die Gebrüder Dominikus (Architekt und Stuckateur) und Johann Baptist Zimmermann (Freskenmaler) erbaut und nennt sich „schönste Dorfkirche der Welt”. Wenn man davor steht, sieht man: Es ist nicht übertrieben. Bei meinem letzten Besuch in Steinhausen bin ich hier mit Bischof Dr. Gebhard Fürst ein kleines Stück auf dem Jakobusweges gepilgert. Nach 400 Metern drehte er sich um, blickte zur Wallfahrtskirche und sagte: „Diese Kirche ist ein wahres Phänomen, das es sonst nirgends gibt. Sie sieht aus, wie ein Bauwerk, das direkt vom Himmel herab gefallen ist”. Das hat mich so beeindruckt, dass ich mir die Kirche jetzt endlich mal genauer anschauen muss. St. Peter und Paul gilt als ein Meisterwerk des süddeutschen Rokoko. Der Pfarrer kennt natürlich alle Statuen und jedes der Bilder haargenau. Nach seinen Erklärungen setze ich mich still auf eine Bank und schaue mir die Pracht in aller Seelenruhe noch einmal an.

Das Oberschwäbische Museumsdorf

In der Barockzeit haben nicht überall nur Glanz und Prunk regiert. Wie die Leute gelebt haben, die nicht von hohem Adel waren, das zeigt das Oberschwäbisches Museumsdorf Kürnbach mit über 30 Originalgebäuden. Die Wohn- und Wirtschaftsräume geben einen Eindruck vom Leben und Arbeiten der Menschen, die hier einmal ihre Heimat hatten. Hinzu kommen mehrere alte Werkstätten, wie zum Beispiel die Schmiede.

Das Lusthäuschen

Das nächste Idyll ist die Natur, der Schwaigfurter Weiher. Ich leihe mir ein Ruderboot. Mitten auf dem Weiher ist eine kleine Insel. Hinter den Bäumen versteckt sich auf ihr ein barockes Juwel - das so genannte Lusthäuschen. Die früheren Chorherren schätzten es als Ort der Einsamkeit. Anlegen an der Insel darf man nicht, aber aus ein paar Metern Abstand kann man das Lusthäuschen gut betrachten. Leicht verfallen erinnert es dennoch an die prunkvolle Zeit des Schussenrieder Klosters. Was mögen die Mönche dort wohl alles erlebt haben? Welche Bücher haben sie dort studiert?

Ailinger Mühle in Reichenbach

Wohl mit einem Pferdekarren hat man im 19. Jahrhundert das Getreide der umliegenden Felder nach Reichenbach zur Mühle gebracht. Damals, 1856 hat die Mühle, die bereits im Jahr 905 erstmals erwähnt worden ist, der Müller Theodor Ailinger übernommen. In diesem Jahr begann die Mühlentradition der Familie Ailinger, die noch heute jährlich mehrere 1000 Tonnen Getreide zu Mehl verarbeitet. Außerdem haben die Ailinger-Schwestern eine Erlebnismühle geschaffen, die die lange Tradition der Mühle anschaulich präsentiert. Silke Ailinger zeigt mir das Mühlenmuseum und erklärt den Weg, den das Getreide zurücklegt bis es als Mehlpackung im Verkaufsregal steht.

Das Naturfreibad Zellersee

Als Abschluss meiner Reise genieße ich den Sonnenuntergang am malerischen Zellersee - mit Blick auf Seerosen und eine beeindruckende Naturlandschaft. Auf der Liegewiese höre ich noch einmal die Engelchen, wie sie mir zum Abschied ein Musikstück spielen.