Bad Wörishofen - Deutschland coolstes Kneipheilbad

Ein Erfahrungsbericht von Tomas Niederberghaus

An diesem Abend in Bad Wörishofen sitze ich mit Herrn H. auf der Terrasse seines Hotels. Es riecht nach frisch gemähtem Gras, vor uns blühen Lupinien in einem zarten Violett, und rechts und links sitzen ältere Damen an den Tischen, Perlenketten, Klunker, Kostüme. Der Ober serviert Seezunge und Salzkartoffeln und Herr H. nippt an seinem Glas eiskaltem Grauburgunder. Er trägt ein blaues Jackett mit goldenen Knöpfen, obwohl die Hitze des Tages noch immer wie ein dichter Nebel in der Luft hängt. Und jedes Mal, wenn eine weitere Dame an seinem Tisch vorbei schreitet, erhebt sich der Hoteldirektor für einen kurzen Moment, winkelt den rechten Arm vor seinem Bauch an, um ihr dann mit einer leichten Verbeugung seine Ehre zu erweisen. Dann lehnt er sich zurück, greift noch einmal zu seinem Glas und fragt: „Ist Ihnen im Bad Ihres Zimmers eigentlich etwas aufgefallen, das sich von ihrem Bad daheim unterscheidet?” Ich überlege. „Klar”, sage ich, „das Klopapier. Es scheint aus mindestens 17 Lagen zu bestehen und ist so flauschig wie anderswo ein Handtuch”. ,,Es ist so begehrt”, sagt Herr H., als spräche er über einen Kaschmirschal, „dass ein Gast vor einiger Zeit einfach zwei Packungen davon in seinen Wagen packte und davon rauschte”.

Wir sind jetzt mitten im Thema: Kneippen ist eine harte Sache, da kann man es verstehen, dass Herr H. seinen Gästen weiche Momente bescheren möchte. Hart war zum Beispiel, dass heute Morgen um 5 Uhr 20 eine Frau an meinem Bett stand, um mich mit eiskalten Tüchern einzuwickeln - man nennt das hier Spanischer Mantel. Er macht nicht nur ungeheuer wach, sondern unterstützt auch die Entschlackung des Körpers und gehört zum Gesundheitsprogramm für bekennende Kneippianer wie mich. Ich habe vom exotischen Wellness-Gedöns nämlich die Nase voll. So besann ich mich vor zwei Jahren erstmals auf die altbewährten Methoden des Wasserdoktors Sebastian Kneipp und kam somit - wohin sonst? - nach Bad Wörishofen. Der Mann galt ja schon zu seiner Zeit als Gesundheitsguru, die Washington Post kürte ihn zur drittberühmtesten Persönlichkeit - selbst Kaiserin Elisabeth hat Kneipp mit Gieskanne und weisen Ratschlägen geheilt. Und was für Elisabeth gut war, kann für mich ja nicht schlecht sein.

Meinen ersten Besuch in Bad Wörishofen habe ich im Winter gemacht. Damals war es hier im unteren Allgäu saukalt, der Ostwind biss mir beim Spazierengehen ins Gesicht. Jetzt ziehe ich erneut durch die Landschaft, diesmal mit dem Fahrrad des Kurdirektors, das er mir mit einem Stadtplan von Bad Wörishofen, einer Karte der Umgebung und den besten Wünschen für einen angenehmen Aufenthalt übergeben hat. Mein Bedürfnis nach Natur ist groß. Ich verlasse die Stadt auf dem Rad Richtung Südwesten, was ich dem Stand der Sonne zu entnehmen glaube. Der Acker leuchtet in allen erdenklichen Grüntönen, darüber flirrt die Hitze des Sommers. Ob dieses die Felder sind, die jene Bauern verkauften, weil sie Bad Wörishofen verlassen wollten? Der Pfarrer, der 1855 zunächst als Beichtvater und geistlicher Leiter des Dominikanerinnenklosters nach Bad Wörishofen gekommen war, hatte ihrer Ansicht nach Sünde ins Dorf gebracht. Seitdem er „Abhärtung” predigte und die Stärkung des Immunsystems meinte, staksten die Frauen mit hoch gezogenen Röcken und entblößten Waden durchs kalte Bachwasser. Ich fahre weiter durch diesen dichten grünen Wald, ich laufe über den Kneipp‘schen Barfußpfad, wo ich die Augen schließe und unter meinen Füßen Rindenmulch und Schotter und sonst was spüre, eine herrliche Erfahrung! Ich erreiche später, im Schweiße meines Angesichts, den Hartenthaler Hof. Der Hartenthaler Hof ist ein Bauernhaus mit Gaststätte, wahrscheinlich am höchsten Punkt der Region. Auf der Terrasse sitzt man unter Obstbäumen und schaut über das untere Allgäu, zumindest über weite Teile davon. Brüllend heiß ist es. Ich bestelle ein dickes Stück Zwetschgenkuchen, mit - Sebastian verzeihe - viel Sahne.

Bad Wörishofen ist eine kleine Stadt. Ich kann mir gut vorstellen, wie es damals ausgesehen hat, als der Pfarrer hier wirkte. Zahlreiche Bauernhäuser stehen noch im Ort. Es gibt nicht eine Verkehrsampel und auch, wenn hier alle Einwohner zur gleichen Zeit mal das Haus verlassen würden, käme sicherlich kaum Unruhe auf. Selbst im Kurpark staksen sie im Storchengang durch die Tretbecken wie seinerzeit durch die Bäche. Natürlich ist in Bad Wörishofen inzwischen vieles moderner, der Kurpark gepflegt und mit einem zauberhaften Kräutergarten aufgemöbelt. Doch spätestens als ich am nächsten Morgen die Kneippstraße, Wörishofens Fußgängerzone, entlang laufe und schließlich die Brücke über dem Wörthbach passiere, habe ich das Gefühl, dass die Zeit hier für einen Moment anhält. Dass sie sich eine Auszeit nimmt von dem ganzen globalen Gerenne und Gefliege und Gelaufe und Gekaufe. Denn plötzlich klingen die Töne eines Klaviers, einer Violine, einer Bratsche und anderer Instrumente über den Platz. Unter einer hellblauen Muschel sitzen die Musiker des Kurorchesters, und kaum ist das Lied zu Ende, da dreht sich der Dirigent um und verneigt sich.

Hinter der Kurmuschel steht das Kurhaus und schräg gegenüber empfängt mich Herr B., der mir die Stadt zeigen möchte. Herr B. ist ein Mann, der in viele Jahrhunderte passen würde. Ein Strohhütchen, ein kleiner Schnauzbart, Sandalen und eine Umhängetasche wie sie heutzutage auch Jugendliche tragen. Das besondere aber, was Herr B. mit sich herumträgt, ist sein enormes Wissen über die Geschichte der Stadt. Er wurde als Sohn eines Bauern in Bad Wörishofen geboren, interessierte sich schon früh für seine Heimat und scheint jeden Erker, jeden Dachfirst und jede Eiche zu kennen.
Wir laufen Richtung Kloster, Jahrgang 1721. Schlendern durch den Kreuzgang des Klosters, bestaunen die Putten am Hochaltar der Kirche und eine Figur der unbefleckten Empfängnis und schließlich stehen wir im Klostergarten: quadratisch angelegt, von zwei Wegen durchkreuzt, in ihrem Schnittpunkt ein Brunnen, Rosen blühen. Hier im Garten züchtete der Pfarrer seine Bienen, und hier stand früher das historische Badehaus, in dem er wirkte.

Kneipp starb am 17. Juni 1897. Sein Sterbezimmer ist heute ein Archiv, für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die Ordensschwester, die wir treffen, darf auch keine Ausnahme machen. Deshalb führt mich Herr B. nun ins Museum, das in einem anderen Teil des Klosters untergebracht ist. MancheExponate wie die Handschellen und Fußschellen, erklärt Herr B., sind alte Gerichtsutensilien. Etwas weiter liegen das Büchlein „Fritz, der eifrige Viehzüchter”, eine Ausgabe von Kneipps Buch „Meine Wasserkur” aus dem Jahre 1889. Das schönste aber ist eine dunkle Box mit einem runden, gold eingefassten Glas. Darin befindet sich etwas, was mich in Farbe und Form stark an den Schwanz meines Mopses erinnert. Es ist eine Haarlocke Kneipps, cremeweiß. Kneipp würde die Assoziation sicherlich verstehen, auch er war ein großer Hundefreund und verließ das Haus nie ohne seinen kleinen weißen Spitz, der ihm selbst im kalten Beichtstuhl als Fußwärmer diente. Ein imposantes Bild, das Kneipp mit seinem Hund zeigt, hängt heute im Kneippianum, einem Haus, das von Kneipp 1896 gegründet und vor gut zwei Jahren aufwendig renoviert wurde. Heute ist es ein Kurhotel, in dem man jede Art von Kneipp‘schen Güssen bekommt und eine Ordensschwester bei der morgendlichen Wassergymnastik im Pool noch vorturnt. Vor zwei Jahren habe ich hier meinen ersten Wasserguss nach Kneipp‘scher Art bekommen. Danach war ich hellwach, sah allerdings auch aus wie ein Hummer.

Diesmal empfiehlt mir Herr B. einen Besuch in der Therme von Bad Wörishofen. Sie liegt am Rande der Stadt, mit dem Rad des Kurdirektors radel ich raus. Der große Glasbau ist von weitem zu erkennen. In der Therme liegen junge Menschen unter Palmen, kuscheln und schmusen und beherzigen sich, sie schwitzen in Saunas oder lassen sich beim Schwitzen von riesigen Kois zuschauen, die hinter einer Glaswand hin und her schwimmen. Was die wohl denken? Draußen gibt es einen Strand, gegen den der Strand eines Baggersees nichts ist, und in der Poolbar sitzen sie im Wasser und nehmen Drinks zu sich. Ja, das ist lässig, und auch ein bisschen cool. Aber im Grunde ziehe ich das klassische Kneipp-Programm vor. Die Anwendungen im Kneippianum oder in dem schönen Hotel von Herrn H., in dessen Garten mir eine ältere Dame ein Geheimnis verriet. Sie sagte: „Der Kneipp war schon zu seiner Zeit ein Anti-Aging-Guru. Was glauben Sie, warum wir Gäste immer wieder nach Bad Wörishofen kommen? Und warum wir uns so gut gehalten haben?” Die Frau war äußerst attraktiv, war 93 und sah aus wie 70. Höchstens!