Bad Wurzach - immer mit der Ruhe

Ein Erfahrungsbericht von Jürgen Rasemann

Was will ich hier? Warum setze ich mich ab und zu auf eine dieser blank geputzten Holzbänke in der kleinen Wallfahrtskirche zum Heiligen Kreuz hoch über Bad Wurzach? Die Heilig-Blut-Reliquie, die in einem kleinen Raum links neben dem Kirchenschiff verehrt wird, kann es nicht sein, schließlich bin ich evangelisch. Obwohl mir - zugegeben - das silbernvergoldete Standkreuz vor dem purpurroten Vorhang gefällt. Wenn es seitwärts angestrahlt wird, gibt es dem Nebenraum etwas Erhabenes und strahlt Ruhe aus.
Eines Nachmittags, ich saß wieder einmal in der Kirche auf dem Gottesberg, hörte ich die brüchige Stimme eines alten Mannes: „Bloß et hudle, immer mit der Ruha, du findsch des Geld für da Opferstock scho no”, beruhigte er seine Frau. Plötzlich war mir klar, was ich suche, wenn ich dieses, 700 Meter über dem Meer gelegene Gotteshaus betrete: Ruhe. Seit diesem Erlebnis sehe ich Bad Wurzach mit anderen Augen. Dieser liebenswerte Ort ist für mich zum Inbegriff der Ruhe geworden.
Bad Wurzach ist eine kleine Kurstadt in Oberschwaben am Rande des Allgäus und ältestes Moorheilbad Baden-Württembergs. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ort am 13. Juni 1273 als „Oppidum Wurzun”. Seit 1950 trägt die Stadt das Prädikat Bad. Der Fläche nach ist Bad Wurzach nach Stuttgart und Baiersbronn die drittgrößte Gemeinde des Bundeslandes und flächenmäßig größer als das Fürstentum Liechtenstein. Sicherlich haben die Wurzacher Stadtväter nicht soviel Geld im Stadtsäckel wie die Liechtensteiner, dafür verwöhnt das zauberhafte Städtchen seine Besucher mit fantastischer Lebensqualität und Herzlichkeit. Die Einwohner von Bad Wurzach gehören zu jenem Menschenschlag der ruhig, gelassen, pfiffig, hintergründig - nicht leicht zu durchschauen, aber stets freundlich ist.

Über 2.500 Pflanzen, Tiere und Pilze im Wurzacher Ried

Manchmal hat diese Freundlichkeit auch den Schalk im Nacken: „Passet se auf, das se nett im Teufelsmoor versinkat, da flaggat scho viel drin” warnt eine kleine Frau mit buntem Kopftuch eine „Rucksack-Gruppe”, fuchtelt mit ihrem Spazierstock in der Luft herum und freut sich diebisch darüber, dass sie „denne Tourischta Angscht eigjagd hoat.” Doch die Frauen und Männer lassen sich nicht beirren. In Zweierreihe - Ordnung muss sein - und Outdoorhosen stoßen sie mit ihren Nordic-Walking-Stöcken ins Wurzacher Ried, einem der größten noch intakten Hochmoorgebiete Mitteleuropas, vor. Eine Wanderung durch das Ried gleicht einem Gang durch die Naturgeschichte. Über 2.500 Pflanzen, Tiere und Pilze sind bis heute nachgewiesen. Und das sind sicher noch längst nicht alle Bewohner des Wurzacher Rieds. Je nach Jahreszeit treiben Orchideenblüten, rangen Heidelbeeren am Wegrand oder zeigen Besenheide, Wollgras und Gilbweiderich ihre schönsten Farben. Dazwischen taumeln Kaisermantel und Schillerfalter. Kreuzottern schlängeln sich über den Weg und der Baumpieper balzt mit dem Zaunkönig um die Wette. Selbst Bekassine und Wachtelkönige hört man bisweilen. Allerdings machen die Möwen, die im Riedsee nisten, meist solch ein Geschrei, dass man nur das Krächzen der Seevögel vernimmt. Halten die weißen Schreihälse mal ihren Schnabel - was dann und wann vorkommt - ist sie wieder da, die Ruhe von Bad Wurzach, die der Menschen Seele und Geist erfrischt. Mein Tipp: Halten Sie inne, setzen Sie sich auf eine der unzähligen Bänke, die im Moorgebiet aufgestellt sind, strecken Sie Ihre Beine aus und richten Sie den Kopf nach oben. Wenn dann noch weiße Schafswölkchen am blauen, oberschwäbischen Himmel entlangziehen, erhaschen Sie einen Blick ins Paradies: so ruhig, so friedlich, so erholsam muss es dort sein. „He, Mann, bloß et hudle, immer mit der Ruhe”, scheint der Herrgott in solchen Momenten zu sagen.

Das Torfbähnle

Wer Sehnsucht nach der „guten alten Zeit” hat, in der ja angeblich alles ruhiger von statten ging, sollte einmal mit dem sogenannten „Torfbähnle” ins Wurzacher Ried tuckern. 1996 endete der Torfabbau und die einstige Torfbahn wurde aufgelassen. 2001 wurden die zurückgelassenen Maschinen und Gleise geborgen und eine neue 1,5 Kilometer lange Strecke aufgebaut, die vom Zeiler Torfwerk über den Achkanal bis zum Stuttgarter See und weiter zum Haidgauer Torfwerk führt. Jeden zweiten Sonntag und vierten Samstag im Monat fährt das urige Bähnle in den Sommermonaten die Strecke entlang des Riedkanals. Sehr zur Freude zahlreicher Ausflugsgruppen, die, in Bussen angekarrt, auf den harten Bänken des „Torfbähnles” von längst vergangenen Zeit schwärmen. Für die Betreiber der nostalgischen Bahn - zumeist Rentner, die dem Kultur- und Heimatpflegeverein Wurzen angehören, ist das Lokführer- oder Schaffnerspielen harte Arbeit. „Als ich in Rente ging, malte ich mir aus, wie schön es jetzt wird. Niemand mehr, der mich hetzt, kein Termindruck und endlich Ruhe, um meinen Hobbys zu frönen. Und jetzt? Jetzt muss ich meinen Urlaub in eine Liste eintragen, wie einst als Arbeitnehmer. Das Wort Ruhe kann ich vergessen.”

Das Schnakenfest mit Feuerwerk

Ruhe sucht auch nicht, wer das Schnakenfest Anfang Juli im Wurzacher Kurpark besucht. An diesem Abend säumen hunderte von Leuchtbechern die Wege des Parks und unzählige Lampions verzaubern die Besucher. Die Veranstalter lassen es an diesem Abend mit allem Tschingderassabum so richtig krachen. Wenn‘s dunkel ist, wird ein grandioses Feuerwerk abgebrannt, das mehrere tausend Besucher mit vielen Oooooh‘s und Aaaaah‘s begleiten.

Der Blutritt - die zweitgrößte Reiterprozession Mitteleuropas

Jeden zweiten Freitag im Juli riecht es in der Innenstadt von Bad Wurzach nach Pferden. 1500 Reiter in Festtagskleidung feiern den „Blutritt” - die zweitgrößte Reiterprozession Mitteleuropas. Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht die Verehrung der Heilig-Blut-Reliquie aus der Wallfahrtskirche auf dem Gottesberg. Sie stammt aus dem Privatbesitz von Papst lnnocenz XII ., der sie 1693 einem deutschen Rompilger schenkte. Das blutgetränkte Tuchstück wird beim „Blutritt”, an dem sich zahlreiche Reitergruppen aus dem oberschwäbischen Raum beteiligen, durch die Stadt, durch Flure und Felder mitgeführt. Das religiöse Brauchtumsfest beginnt bereits um 7 Uhr morgens.
Manche Reiter scheuen keine Mühe und nehmen bis ins hohe Alter am „Blutritt” teil. In den Gesichtern dieser betagten Herren zeigt sich die tiefe Verwurzelung mit den hügeligen Landstrichen, den Ried- und Moorlandschaften, der barocken Pracht und dem guten Leben in Oberschwaben. Das zerfurchte Antlitz dieser „Blutreiter” strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Diese alten Herren auf ihren festlich geschmückten Pferden bringt nichts mehr aus dem Gleichschritt. Auch nicht die rund 5000 Wallfahrer und Besucher, die jährlich zum „Blutritt” die Straßen in und um Bad Wurzach säumen.

Schwäbischer Rostbraten mit Röstzwiebeln und ein Besuch im Vitalium

Dass diese Menschen nach der Veranstaltung Hunger haben, versteht sich. In Bad Wurzach gilt: Da wo Gasthaus oder Wirtshaus oder Zum ... steht, isst man genau richtig. Dort stehen dann „Schwäbischer Rostbraten mit Röstzwiebeln”, „Saure Kutteln mit Bratkartoffeln”, „Kässpätzle”, „Schupfnudeln” oder gar „Schwäbischer Lumpensalat” auf der Speisekarte. Dazu ein gutes Bier aus Oberschwaben und die Seele hat ihre Ruh‘. Danach vielleicht ein kleiner Rundgang durch die historische Altstadt oder ein Besuch im Wellness-Tempel „Vitalium”. Nach drei Gängen in der Sauna sind die überflüssigen „Pfunde” wieder weg.

Die Thermalwasserlandschaft mit Außenbecken, Massageliegen und Sonnenterrasse lädt zum Entspannen und Verweilen ein. Die großzügige Saunalandschaft mit Saunagarten und das Wohlfühlhaus mit vielfältigen Wellness-Angeboten runden das Gesundheitsangebot ab. Das Herzstück des „Vitaliums” ist für mich das Wohlfühlhaus. Bei einer entspannenden Massage tauche in hier gerne in meine innerere Welt ab und relaxe, wie es heute so schön Neudeutsch heißt. „Immer mit der Ruhe, bloß et hudle”, denke ich mir als brandenburgisch-schwäbischer Preuße der im Bayerischen sein Geld verdient, wenn der Masseur meine Muskeln durchwalkt.

In solchen wohltuenden Momenten denke ich nicht an meine Gesundheit, sondern an ein Viertele trockenen Trollinger und einen zarten, medium gebratenen Rostbraten mit knusprigen Röstzwiebeln. Dagegen ist Preußens Glanz und Gloria nichts. Es gibt eben Augenblicke, ja, ich gebe es zu, da freue ich mich darüber, dass ich vor nunmehr 26 Jahren von Berlin aus in diesen Landstrich gezogen bin. Denn eines steht außer Frage: die Oberschwaben wissen sehr gut zu leben. Davon können sich die hektischen Berliner eine dicke Scheibe abschneiden. P.S. Wer in Bad Wurzach Kur-Urlaub machen möchte, sollte sich früh genug um Zimmer kümmern. Gäste, die auf den Trend „Super-Last-Minute-Angebot” setzen, werden oft enttäuscht, da die Unterkünfte ausgebucht sind. Und warum denn hudla, wenn in der Ruhe die Kraft liegt?