Überlingen – Wo das Glück wohnt

Ein Erfahrungsbericht von Gerhard Waldherr

Zum Kaffee gibt es Kirschschnaps und hausgemachte Pralinen. Andreas Liebich bringt sie und bleibt gleich sitzen. Schon nach 22 Uhr, ein langer Arbeitstag geht zu Ende. Der Besitzer und Chefkoch des Romantik Hotel Johanniter-Kreuz gönnt sich nun ein Gläschen, einen Plausch und macht noch eine Flasche Weisser Burgunder auf. Die Pralinen im Johanniter-Kreuz sind berühmt. Kakao und Milch vermählt sich mit Mokka, Grand Marnier, weißem Balsamico, Nougat, Butter, Karamell. Eine Symphonie der Aromen.

Das passt, denn wir reden über das Glück. Ulrich Helmut Lutz, ehemaliger Bürgermeister, sein Freund Hermann Keller, Lehrer im eingemeindeten Ort Lippertsreute, und der Reporter. Keller hatte das Johanniter-Kreuz vorgeschlagen. Wegen der hervorragenden Küche und wegen der heimeligen Atmosphäre. In der Mitte ein gemauerter Ofen, die Decke gestützt von alten Balken, auf den Tischen feiner Damast und Kerzen. „Was für ein Glück“, sagt Lutz, „ in einer Stadt wie Überlingen arbeiten zu dürfen“. „Was für ein Glück“, sagt Keller, „ in einem Ort wie Lippertsreute leben zu dürfen“. „Menschen, Natur, Geschichte, Bräuche, Geselligkeit“, das alles, so Keller, „stimmt mit meinem Charakter überein“. „Ja“, meint Liebich, „in Harmonie mit sich selbst und seinem Umfeld zu leben, das ist Glück“.

Glück? Ein großes Thema, ein weites Feld. „Glücklich allein ist die Seele, die liebt“, ließ Goethe sein Klärchen im Trauerspiel Egmont sagen. „ Das Glück ist blind“, unkte Cicero. Und ein altes österreichisches Couplet geht so: „Da streiten sich die Leut herum - Oft um den Wert des Glücks - Der eine heißt den andern dumm Am End weiß keiner nix.“

Kakteen, Fasnacht, Kneippkur und der Blick zum Säntis

In Überlingen können sie es einem auch nicht erklären. Vielmehr wundern sie sich, dass man bei ihnen das Glück erforschen will, obwohl sie an Reporter gewöhnt sind. Schließlich gilt Überlingen als die Riviera am „Schwäbischen Meer“, steht in der Stadt das höchste Münster am Bodensee, ist die schwäbisch-alemannische Fasnacht legendär, genauso wie die 80 Arten Kakteen im Stadtgarten. Früher kamen die Menschen aus aller Welt wegen des mondänen Flairs, später wegen der Kneippkuren, heute zum Fasten nach Dr. Buchinger.
Es kommt einfach über einen in Überlingen. Da sind der See mit den Alpen und dem majestätisch aufragenden Säntis. Das Hinterland mit seiner zauberhaften Landschaft. Das Essen, geprägt von der Fruchtbarkeit der Rheinebene und den Einflüssen der sich dort kreuzenden Kulturen. Keller sagt: „ Schon die Pfahlbauer wussten: Hier kann man aus dem Vollen schöpfen.“ Dazu der Wein, die Geschichte, die einen begleitet, gekrönt von barocken Kirchen und uraltem Gemäuer, die gute Luft. Und die Ruhe. Zusammen genommen bewirkt das ein wundersam angenehmes Lebensgefühl. Das deckt sich mit dem Ergebnis der Studie „ Perspektive Deutschland“, wonach im Landkreis Bodensee-Oberschwaben, der Gegend zwischen Überlingen und Ravensburg, die zufriedensten Deutschen leben.
Studien zufolge fühlt sich der Mensch am wohlsten, wenn er von einer Anhöhe auf Wasser blickt. Und in Überlingen blickt man schließlich von fast überall auf den See, der wirkt wie ein zärtlicher Magnet. Doch dass die Stadt sich so gut anfühlt, hat auch damit zu tun, wie sie ihre Latifundien verwalten. Überlingen gehört der Vereinigung Città Slow an. Diese wurde in Italien gegründet und verpflichtet ihre Mitglieder, allesamt Städte mit weniger als 50000 Einwohnern, zu Erhalt und Förderung von kultureller Identität, traditionellem, urbanem Charakter und regionalen Besonderheiten. Lutz sagt: „Viele denken, Città Slow hätte mit Langsamkeit zu tun, das ist irreführend.“ Vielmehr hat es mit Besinnung auf Werte zu tun, die der rasanten Entwicklung der Welt immer mehr zum Opfer fallen.

Città Slow – Überlingen und die Wiederentdeckung des Langsamen

Città Slow steht auch in Überlingen für umweltverträgliche Maßnahmen wie Verkehrsberuhigung, gehaltvolle Entwicklung der Infrastruktur, legt ein Augenmerk auf Gastfreundschaft und den Anbau und Verkauf autochthoner, also regionaler Produkte. Und dazu passt wiederum, dass Überlingen das einzige Kneippheilbad Baden-Württembergs ist. Denn Kneipp steht nur vordergründig für Wassertreten und feuchtwarme Aufgüsse, sondern vielmehr für Bewegung, Wassertherapie, gesunde Ernährung, die Kraft der Heilpflanzen und ein ausgeglichenes Leben. Schließlich lebt der moderne Mensch zu schnell, begleitet von dauerhafter psychischer und körperlicher Überforderung. Città Slow und Kneipp wirken in Überlingen dem entgegen gemäß einem Zitat des Schriftstellers Sten Nadolny: „Ich bin mir selbst ein Freund, ich nehme ernst, was ich denke und empfinde, die Zeit, die ich dafür brauche, ist nie vertan.“

Sie nehmen in Überlingen sehr ernst, was sie denken und empfinden. So wurden die Bahngleise vom See unterirdisch mitten durch die Stadt verlegt, der Bahnhof befindet sich nun in einem Graben im Zentrum, wodurch die längste Uferpromenade am Bodensee entstand. Man entwickelte den sogenannten Gartenkulturpfad, der die schönsten Sehenswürdigkeiten verbindet und auf dem man praktisch verschluckt wird von Historie und Grün; beim Wettbewerb Entente Florale gab es dafür eine Goldmedaille. Schon 2004 schlossen sich alle 70 landwirtschaftlichen Betriebe in und um Überlingen zu einer gentechnikfreien Zone zusammen. Weshalb sich die Märkte am Mittwoch und Samstag regen Zulaufs aus der Region erfreuen, auch weil es am Samstagmittag nebenan im Münster klassische Konzerte gibt. 20 Prozent aller Agrarprodukte in der Gegend werden biologisch angebaut; im Schnitt sind es in Deutschland 5 Prozent.

Der Mensch ist ein Produkt seiner Umwelt. Doch die Umwelt ist auch ein Produkt seiner Menschen. Und die sind in Überlingen ansteckend angenehm. Egal, wen man trifft, nach jeder Begegnung fühlt man sich ein bisschen wohler. Das ist so im Kurhotel Seehof bei Werner Rummel, der von der Schnittstelle zwischen Schweiz, Österreich, Baden und Württemberg schwärmt, vom prägnanten Wandel der Jahreszeiten, vom Bewusstsein, das die Habsburger hier hinterlassen haben, „auch mal Fünfe grade sein zu lassen“. Rummel schaut aus dem Fenster auf den See und sagt: „Schauen sie nur mal aus dem Fenster.“ Man schaut aus dem Fenster, und der See glänzt wie ein silbernes Tablett, darüber magisches Licht.

Später sitzt man bei Friseur Edgar Riede, der auch von der Idylle schwärmt, von der Gemeinschaft der Menschen, Nachbarschaftsfesten, dem Flair der Stadt. Er schaut einen an mit stahlblauen, strahlenden Augen, lächelt und schickt eine Kundschaft weg, weil man gerade so schön am Plaudern ist über das Strandbad West neben der Therme, wo er sich sommers bei schönem Wetter am liebsten aufhält. Selbst wenn er nicht zum Schwimmen will, fährt Riede jeden Tag an den See, bei Wind und Wetter, Regen und Schnee. Riede: „Der See ist immer schön, sogar im Nebel.“

Dem Schriftsteller Aldous Huxley hätte das gefallen. Der sagte einmal: „Der Mensch von heute hat nur ein einziges wirklich neues Laster erfunden: die Geschwindigkeit.“ Was der ehemalige Pfarrer Hans Jörg Weber nur bestätigen kann: „Der Mensch sucht Geborgenheit, Beheimatung, er sucht eine Stadt mit Charakter, die Gemeinschaft groß schreibt und gleichzeitig Individualität zulässt, das gibt den Menschen Halt.“

„Dieses Stück Erde ist ein Stück vom Himmel.“ Und dass die Überlinger verstehen, es für das irdische Leben, genauso für sich wie ihre Gäste zu bewahren, das ist, ja, einfach nur ein großes Glück.